Kurzgeschichten

 

 

Frühstück

Langsam tauche ich aus meinem Traum. Vorsicht, denke ich, nicht bewegen, sonst merkt er dass ich wach bin und will sofort schmusen. Doch es ist schon zu spät. Er
scheint besondere Sensoren zu haben, denn jeden Morgen ist es das gleiche, ich
erwache und schon fängt er an mich zu küssen. Am rechten Arm gehts los,
Kuß - langsam hoch bis zum Ellenbogen – Kuß – Am Ellenbogen wird herumge-
knabbert. Ich knurre, muß aber schon lachen, denn es kitzelt. Als ich mich recke,
ein Bein unter der Bettdecke hervor schiebe, stürzt er sich darauf und fängt an,
langsam vom Fuß – Kuß – immer höher – Kuß – bis zum Knie daran herumzu-
knutschen.

"Ok, ich stehe auf", sage ich, "du hast gewonnen", springe dabei aus dem Bett
und mache meinen üblichen Morgengang. Er hinter mir her, schaut genervt drein
als ich im Bad versuche die Verfallserscheinungen zu kaschieren. Er liebt mich
eben so wie ich bin, ihm ist es egal wie ich aussehe. Auch mag er kein Parfum an
mir, keine duftenden Cremes oder Wässerchen.

Endlich bin ich soweit und gehe in die Küche. Dort sitzt er schon wartend auf sei-
nem Stuhl. Das Ritual kann beginnen. Jeden morgen läuft es nach dem selben Muster ab. Kaffee in die Tüte, Wasserkessel summt schon, Toast in den Toaster, Tisch decken. Er sitzt still und stumm da und schaut mir zu. Ich rede mit ihm. Erzähle, was ich heute so vor habe und wie lieb ich ihn habe. Er quittiert es mit Schlafzimmerblick.
"Nun gut, er ist wie er ist," denke ich und fahre mit dem Gequatsche fort.

Wenn ich ihm den Rücken zudrehe sehe ich im Augenwinkel, wie er schnell von seinem auf meinen Stuhl wechselt. Ich drehe mich um, schaue ihn an, doch er schaut harmlos zurück, kein Grinsen, kein Lächeln, alles normal. So allmählich dauert ihm das alles zu lange, er möchte endlich frühstücken, gibt einen schmatzenden Laut von sich. "Das soll wohl ein Ausdruck von genervt sein," denke ich, reagiere aber nicht darauf.

Während der Kaffee durch den Filter läuft, kraule ich ihm den Nacken. Er verdreht verzückt den Kopf, sagt aber nichts. Eigentlich möchte er nur endlich frühstücken.

Endlich bin ich fertig. Er sitzt natürlich mal wieder auf meinem Stuhl. Mit einer
Handbewegung bedeute ich ihm, sich nun auf seinen Platz zu setzen. Er murrt leise,steht aber auf und huscht auf seinen Stuhl.

Der Toast ist noch heiß, also fange ich an seine Wurst zurecht zu schneiden. Sein
Hals wird lang und länger. "Nimm den Kopf vom Tisch! Was sind denn das für Manieren?"schimpfe ich. Sofort und ohne einen Mucks gehorcht er.

Endlich geht es los. Ich nehme ein kleines Stückchen Wurst und halte es in die Höhe. Seine Augen weiten sich und sein Hals ruckt ein kleines bißchen vor. Ich halte es ihm vor den Mund und er öffnet ihn einen kleinen Spalt, gerade so weit, dass es hinein gleitet. Laut schmatzend vertilgt er es. Dann gönne ich mir selber einen Happen Toast und einen Schluck Kaffee. Er schaut schon wieder gierig. So bekommt er sein nächstes Stück Wurst und im Wechsel geht es so weiter, bis wir alles aufgegessen haben.

Ich kraule ihm nun sein Köpfchen und er fängt laut an zu schnurren. Das liebe ich. So zeigt er mir wie lieb er mich hat und wie schön unser gemeinsames Frühstück ist.

"So, mein Willi," sage ich, "nun möchte ich aufräumen und du brauchst sicher dein Vormittagsschläfchen. Er springt vom Stuhl und tigert mit elastischem Schritt ins Schlafzimmer, dort kriecht er unter meine Bettdecke, möchte sicher noch meinen Geruch einatmen. Ich sehe, wie die Bettdecke sich heftig bewegt, sicher putzt ersich noch das Mäulchen. Kurz darauf höre ich ihn laut und vernehmlich schnarchen.
"Dieser Kater ist fast wie ein Ehemann," denke ich, muß aber schmunzeln, denn ein Ehemann wäre vermutlich nicht ganz so artig.
© Helga Sievert-Rathjens

Kuddel

Wiese bis zum Horizont. Der Beifuß, von uns Kindern „Trümmerblumen“ genannt, ging mir bis zum Scheitel, die Kletten, schwankend hoch über mir im Wind, lauerten darauf, daß ich näher kam. Vor den Früchten der Kletten mußte ich mich in acht nehmen, denn wenn ich ihnen zu nahe kam, sprangen sie – zack und zwick – in meine langen Zöpfe und es gab lautes Schmerzgeschrei, wenn meine Mutter versuchte, sie wieder herauszupulen. So mußte sie sie dann mit einer Schere wieder herausschneiden - und das ergab wiederum lautes Wehgeschrei ihrerseits. Also versuchte ich ihnen auszuweichen.

Um mich herum sah ich undurchdringliches Gestrüpp. Doch da, links von mir, öffnete sich ein schmaler Trampelpfad. Er führte mich auf ein Stück Kleewiese. Von allen Seiten hörte ich das fröhliche Summen der Bienen und Hummeln, die sich an dem Nektar der Blüten zu verschlucken schienen.

Vorsichtig, um keine Hummel zu zerdrücken, setzte ich mich ins Gras und beobachtete die Heuschrecken - versuchte sie zu fangen, doch sie waren schneller als ich, hüpften in lustigem Bogen kreuz und quer durch die Luft, wenn ich versuchte, sie zu erhaschen, setzten sich unweit auf einen Grashalm und ließen ihr „ätsch-ätsch-ätsch“ erklingen. Ich ärgerte mich über ihren Spott und versuchte es wieder, mit dem gleichen Erfolg.

Bei den Blüten der Disteln hielten sich immer die Schmetterlinge auf. Ich liebte sie, stand ganz still und hoffte, daß sich einmal einer in mein Haar setzen würde. Doch niemals kam mir einer nahe. So begann ich Blumen zu pflücken, um sie anzulocken. Weißbraunen Klee, blauen Ehrenpreis, gelbe Reseden, Schöllkraut und Hahnenfuß. Jetzt fehlten noch rote Blumen. Ich streifte durch die Wiese.

Den zerbombten Bunker umkurvte ich dabei weiträumig. Hier waren nur massenhaft Brennesseln und es stank ein wenig nach fauligem Wasser. Dahinter verlief die Lienhardstraße. Sie zweigte gegenüber von Tante Hinschs Haus von der Hellbrookstraße ab und lief mitten durch die Wiese, teilte sie sozusagen in zwei Hälften und endete dann am Rübenkamp.

An der Lienhardstraße stand kein Haus, kein Baum, kein Garnichts. Nur der Bunker lag ein paar Schritte neben ihr zertrümmert in der Wiese. Die Straße selbst glich eher einer (wenn auch sehr kleinen) Hügellandschaft. Tiefe Löcher mitten im Teer, die nach dem Regen bis zum Rand mit Wasser gefüllt waren und viele große und kleine Pfützen bildeten. In jede mußte ich reinpatschen und meine Mutter damit zur Weißglut bringen.

Doch jetzt waren hier keine Pfützen und ich eilte auf die andere Seite, um nach roten Blumen zu suchen. Endlich fand ich eine Lichtnelke, aber so richtig rot war die nicht, es mußte eine rotere her. Ab gings durch die hohen Gräser. Da, ganz versteckt leuchtete es rot auf, ein Mohnblümchen blühte stillvergnügt vor sich hin. Ich pflückte es und setzte mich selig ins weiche Gras.

Ganz ruhig war es hier, kein Geräusch, nur das der Grashüpfer, Bienen und der dicken Hummeln. Ein Käfer krabbelte ungeschickt über die kurzen Grashalme, dann verschwand er im Bodengewusel. Ich blickte nach oben und blinzelte in die von der Sonne beschienenen zarten Rispen der Gräser. Ein leichter Wind bewegte die Halme und wie ein Schleier bewegten sich die hauchfeinen Härchen und leuchteten golden im Licht. Wie die Haare der Prinzessin vom Froschkönig dachte ich und schlief auch schon ein.

Kinderstimmen weckten mich. Verschlafen wunderte ich mich, daß ich mein Kissen nicht finden konnte, dann merkte ich, wo ich war und blickte suchend nach den Kindern. Sie saßen unweit von mir in einer Kleewiese und flochten sich Ketten und Armbänder aus den Blüten.

Eines der größeren Mädchen zeigte mir sehr geduldig, wie das ging, und ich flocht meine erste Krone fürs Haar. Nun würden doch noch alle erkennen, daß ich in Wirklichkeit eine richtige Prinzessin war, freute ich mich, und machte mich mit Eifer daran, ein Armband zu flechten. Meine ungeschickten Finger schafften es auch bald, und ich war glücklich als die Kinder mein Werk bewunderten.

Nun wollte ich schnell zu Tante Hinsch und Kuddel laufen. Sie waren unsere ehemaligen Nachbarn und für mich mehr wie Vater und Mutter. Vielleicht war Kuddel schon von der Arbeit nach Hause gekommen. Ich wollte Tante Hinsch die Blumen schenken und Kuddel könnte mir eine Geschichte erzählen.

Eigentlich hieß er ja Rudolf, aber Peter, mein Bruder, und ich hatten ihn Kuddel getauft, weil dieses Wort ein Ausdruck aus dem Hamburger Hafen für Kumpel und Freund ist. Da er mein und Peters bester Freund war, hatte er den Namen von uns bekommen.

Er war der beste Geschichtenerzähler auf der Welt. Ich durfte auf seinem Schoß sitzen und er erzählte mir die dollsten Sachen. Am liebsten hörte ich die Geschichte vom kleinen Kohn, der in der winzigen Plastikhülle des Rollobandes wohnte, genau dort, wo man ziehen mußte um das Rollo runter- oder raufzuziehen. Er faßte dann die kleine Hülse an und fragte mich: "hast du heute schon den kleinen Kohn gesehen?" "Nein," sagte ich und schaute neugierig zu wie er die Hülse etwas nach oben bog um selbst hineinschauen zu können. "Ach, da ist er ja, der kleine Kohn. Hallo Kohon, hast du heute eine Geschichte für uns?" Der kleine Kohn antwortete mit ganz leiser, piepsiger Stimme, doch leider in einer nur Kuddel bekannten Geheimsprache. Kuddel sagte dann aha, soso, hm, hm und dann übersetzte er mir die Geschichte vom kleinen Kohn. Leider habe ich ihn nie selbst gesehen, denn immer wenn ich in die Hülse hineinschaute, war er gerade nicht da. Ich rief hinein, aber nie bekam ich eine Antwort.

Kuddel brachte mir alles bei, was ich im Leben so brauchen konnte. Er zeigte mir, wie ich meine Schuhbänder zu Schleifen binden konnte, wie ich es anstellen musste, um mit Messer und Gabel "feine Dame" zu spielen, wie ich richtig schwimmende Holzschiffe aus einem kleinen Holzklotz rausschnitzen, Briketts stapeln, Nägel im Dunkeln vom Fußboden mit einem Magnet aufsammeln konnte. Auch wie man fegt, ohne daß es staubt, und er brachte mir das Tanzen bei.

Da ich noch zu klein war, um mit ihm richtig zu tanzen, stellte ich mich auf seine großen Füße, hielt mich an seinen Händen fest und schon ging es los. Er fing an ein Lied zu singen: "Schingschang schingschang bumfidelitzki, jangkangki, jangkangki, Schingschang schingschang bumfidelitzki, jangkangki katawau, katawauwauwauwau, tulimaris jangkangki, jangkangki, tulimaris jangkangki katawauuuuu," und tanzte mit mir so lange durch die Küche, bis mir schwindelig wurde und Tante Hinsch mit uns schimpfte, weil sie nun kochen mußte und Kuddel endlich auf Tour gehen sollte, bis sie mit dem Essen fertig wäre. Also packte Kuddel seine Werkzeugtasche und seinen Zampel - und wir gingen beide auf Tour.

Mit Kuddel auf Tour gehen war toll. Er war nämlich Hausmeister in unserem Block, ging jeden Tag in die Häuser von der Hellbrookstraße, dem Fritz-Neubers-Weg und dem Hardorffsweg, und ich durfte mit, denn ich war sein Stift, ein anderes Wort für Lehrling. Diese Aufgabe nahm ich sehr ernst. Zu Weihnachten hatte ich mir auch einen Zampel gewünscht und tatsächlich hatte ich auch einen bekommen in schönem Blau. Zuerst war ich enttäuscht über die Farbe, denn Kuddels Zampel war grau und im Stoff auch derber, aber Kuddel überzeugte mich davon, dass Mädchen einen blauen mit weicherem Stoff haben mußten. Also gingen wir täglich, jeder mit dem Zampel auf dem Rücken, auf Tour. Zuerst ging es zu Frau Gallasch. Bei dem Namen lief mir regelmäßig das Wasser im Munde zusammen, weil ich sie in Gedanken natürlich Gulasch nannte. Dort war ein Wasserrohr kaputt. Ich reichte Kuddel den Engländer, die Schraubenzieher und das für mich wertvolle Hanf. Ständig versuchte ich davon zu stibizen, weil ich zu gerne blonde Haare gehabt hätte, aber Kuddel paßte auf wie ein Schießhund.

Nachdem wir das Wasserrohr repariert hatten, gingen wir in den Fritz-Neubers-Weg zu Albers. Dort hatte der freche Sohn Alfred mal wieder eine Fensterscheibe eingeschlagen. Vorsichtig entfernte Kuddel die Glassplitter aus dem Fensterrahmen. Dann kam meine Arbeit. Ich durfte den alten, harten Kitt entfernen, so dass Kuddel die neue Scheibe einsetzen konnte. Dann durfte ich die kleinen Stifte, die als Stütze der Scheibe dienten, mit einem ganz dünnen Hammer einklopfen und auch noch den neuen, frischen Kitt mit Pril an den Fingern, damit er nicht festklebte, anpassen. Als wir fertig waren, hielt mir Frau Albers einen Apfel hin. Sofort verschränkte ich die Hände hinter meinem Rücken. Sie schaute mich fragend an und ich erklärte ihr, dass ich noch einen Bruder hätte und der müsse ja wohl auch einen Apfel bekommen. Das fand sie auch und so in Ordnung, und ich bekam noch einen dazu, den ich später meinem Bruder Peter gab.

Nun mußte Kuddel in seinen Arbeitskeller, der war in der Straße, in der ich wohnte, im Hardorffsweg. Hier verwahrte er die interessantesten und begehrenswertesten Sachen auf. Meistens durfte ich nicht mit in den Keller, denn ich hatte schon zu oft versucht, den für mich streng verbotenen roten Kitt zu klauen. Der war giftig für Kinder. Doch ich wollte unbedingt die Löcher in unserem roten Backsteinhaus ausbessern und versuchte es immer wieder. Doch heute durfte ich mit runter und zusehen, wie Kuddel Gips mit etwas Wasser, in einem halben Ball, zusammenrührte. Dann nahm er zwei verschiedene Spachtel und wir gingen rauf ins Treppenhaus. Dort waren neben den Treppenstufen, vom Bohnern mit dem schweren Bohnerklotz, kleine Löcher entstanden. Nun zeigte er mir, wie ich diese mit Gips ausbessern konnte. Gips und weißer Kitt waren nicht für mich verboten, und von nun an besserte ich jedes Loch, ob es ein zufälliges oder gewolltes war, erbarmungslos aus. Noch heute kann man meine Arbeit an den Häusern bewundern...

 Fortsetzung folgt irgendwann
© Helga Sievert-Rathjens

 

 

Fuhlsbüttel Anno 1970

Endlich war ich aus meinem Elternhaus ausgezogen und hatte ein kleines Zimmer in Hamburg-Fuhlsbüttel bezogen.

Hier in Fuhlsbüttel kannte ich keinen Menschen. So ging ich manchmal nachmittags in ein nahes Eiscafe mit integriertem Imbiss. Bald schon lernte ich dort einige
Leute kennen. Zunächst einmal Walter, einen niedlichen kleinen Rentner, der wie Henry Vahl aussah. Er wohnte in einem kleinen Haus im Garten einer Hausbesitzerin und flirtete mit mir auf Deubel komm raus. Er gelobte feierlich, er würde mich noch einmal vernaschen, so wahr er Walter Petschow hieße.

Walter war täglich in der Eisdiele. Am glücklichsten war er, wenn er Rente bekommen hatte. Dann warf er mit der Kohle nur so um sich und gab jedem den er mochte einen aus. Das ging ungefähr vier bis fünf Tage so, dann war er wieder pleite und wartete auf den nächsten Monat. So lange allerdings wurde er dann von seinen Freunden und je-dem, der einmal etwas Geld hatte, freigehalten. Jeder kannte Walter, denn er gehörte zum Inventar.

Dann war da noch Fiete. Fiete gehörte auch zum Inventar, jedenfalls Wochentags nach Feierabend und am Sonntag. Samstags war das Eiscafé geschlossen. Das war ein sehr harter Tag für uns alle, und wir sehnten uns nach dem Sonntag, um zu Hans, dem Besitzer der Eisdiele, gehen zu können und ihn schon von morgens an mit unserer Anwesenheit zu beglücken.

Hans war ein für mich damals sehr alter Typ, so um die vierzig und war ein arger
Schwerenöter. Jedes Girl, jede Frau wurde von ihm auf eine unglaublich charmante Art angebaggert. Er hatte große blaue Augen, war selbst eher klein und hatte eine
Glatze, was ihn nicht davon abhielt, sie seiner Meinung nach recht geschickt unter
einer kunst-voll über die Platte gelegten Haarsträhne zu verbergen.

Verließ er den Laden, prüfte er die Windrichtung um so das den Kopf in die richtige Richtung zu halten. Trotzdem passierte es manchmal, dass der Wind die Wahrheit an den Tag brachte. Das war ihm natürlich unheimlich peinlich, aber nur er nahm Anstoß an seiner Glatze. Gäste und Freunde, vor allem die Frauen, interessierten sich nicht im Geringsten dafür. Er war eben Hans, und Hans wurde von allen geliebt. Im Gegensatz zu Klärchen, seiner Frau die ein arger Besen war, und die Gäste sahen sie lieber gehen als kommen. Das tat sie dann auch jeden Abend um siebzehn Uhr und schon wurde es urgemütlich bei Hans im Eiscafe.

Die alte Wurlitzer wurde auf Dauerbetrieb gestellt, es wurde frei Haus geschwoft,
gesoffen und selten etwas gegessen. Hans kam so richtig in Fahrt. Um einundzwanzig Uhr wurde der Laden geschlossen, und dann ging es erst richtig los.

Dann war da noch Rosi, Walters Tochter. Sie wohnte einige Zeit bei ihrem Vater in der Hütte. Rosie hatte die wunderschönsten, mandelförmig geschnittenen, grünbraunen Augen die ich je gesehen hatte. Mit Rosi, die nur zwei Jahre älter war als ich, freundete ich mich sehr schnell an. Oft kam es vor, dass wir nach einer durchzechten Nacht in aller Frühe in den Alsterpark gingen. Dort setzten wir uns an den Karpfenteich, genossen die kühle Luft und ließen den Vorabend noch einmal Revue passieren. Wenn die Enten erwachten, ahmte Rosi die Sprache von Donald Duck nach, und siehe da, die Erpel ver-standen diese Sprache und liefen uns in Scharen nach.

Walter, Fiete, Rosi und ich waren sozusagen der harte Kern bei Hans. Es gab noch einige andere Leute, die mehr oder weniger oft dort hingingen, aber sie gehörten nicht zu der sogenannten Stammmannschaft wie wir vier.

Eines Abends machte Hans den Vorschlag, doch mal wieder zu Toni und Nelli zu gehen. Diese beiden kannte ich noch nicht und fragte, wer und wo das sei. Mir wurde erklärt, dass Fuhlsbüttel so etwas wie eine anrüchige Dorfkneipe besaß, die "Bodega".
"Oh ha, also eine halbseidene Kaschemme, und ich hatte noch nichts davon gewusst."

So zogen wir los zum Fuhlsbüttler Damm, zur besagten Kneipe. Schon von außen wirkte der Laden recht seltsam. Neben der total verschmutzten Eingangstür ein ebensolches Fenster mit dunkelgrauen Gardinen. Als ich den Laden betrat, schlug mir eine Mischung aus Muff, Geruch von schalem Bier und die dicke Rauchwolke einer Rothändle rauchenden, hageren Frau hinter einem langen Tresen bei schummriger Beleuchtung entgegen. Das mußte Nelli sein. Als sie Hans sah, kam sie freudestrahlend um den Tresen herum und rief mit tiefer rauer Stimme: "Mensch Hans, du alter Schweinekopf, krieg ich dich auch mal wieder zu sehen?" Ich mußte lachen und freute mich auf das was da noch kommen sollte.

Hans lächelte charmant wie immer, murmelte etwas von: "Ach Toni, viel Arbeit, Klärchen und so, du weißt doch....", und bestellte erst einmal eine Lokalrunde. Das war für ihn nicht besonders teuer, denn das Lokal hatte außer uns nur noch einen weiteren Gast, so dachte ich jedenfalls. Ein kleiner, etwas dicklicher Mann, in abgetragenen Manchesterhosen und einem karierten, kaputten Hemd. Er saß am Tresen, grinste dümmlich aber nett und trank ne Pulle Bier. "Tag Nelli", hörte ich Hans sagen und fragte mich, ob Hans wohl schon etwas zuviel getrunken hätte, da er diesen Typen mit Nelli und die Frau mit Toni ansprach. Ich klärte ihn über sein Missverständnis auf. Erstaunt sah er mich an, dann prustete er los, denn die Frau hieß tatsächlich Toni und der Mann Nelli.
Toni war die Besitzerin des Schuppens, und Nelli erledigte für Bier, Unterkunft und täglich einen Teller warmes Essen alle anfallenden Arbeiten im Hause. Vor Jahren war dieser Schuppen eine gutgehende Pension mit Restaurant und Bar im Kaminzimmer gewesen. Doch der Laden war immer mehr heruntergewirtschaftet worden und verkam zusehends.

Diesen ersten Abend bei Toni und Nelli werde ich nie vergessen.

Hans und Toni warfen eine Runde nach der anderen. Zwischendurch ließen Fiete und Walter sich auch nicht lumpen, und so hatten wir alle nach einer gewissen Weile ordentlich einen im Kahn.

Jeder redete mit jedem.

Walter philosophierte mit Fiete über den Sinn des Lebens an und für sich, und Toni hörte ich angeregt mit Hans über ihre Nasennebenhöhle plaudern. Nelli saß immer noch am Tresen, grinste dümmlich aber nett, und Rosi erzählte mir von ihrem Geschiedenen, in den sie immer noch hoffnungslos verknallt war.

Walter nickte zwischenzeitlich immer mal etwas ein, während Toni bei ihren Krampfadern angelangt war. Nur Nelli murmelte mit sich allein und grinste weiterhin dümmlich aber nett. Hans stand neben Nelli und klopfte ihm zwischendurch immer mal wieder beruhigend auf die Schulter, wobei er "schon gut Nelli, wird schon wieder Nelli", vor sich hinbrabbelte. Nelli selber grinste weiterhin dümmlich aber nett.

Zwischendurch schickte Toni immer mal wieder eine Runde ihrer absoluten Horrormischung: Weinbrand mit je einem gehörigen Schuss Gin und Aprikotbrandy zu uns rüber, wobei sie jedem, dem sie ein Glas reichte, schicksalsschwanger tief in die Augen
schaute, um dann verschwörerisch mit einem zusammengekniffenen Auge zu lächeln. "Trink meine Süße", oder "trink mein Süßer" war einer ihrer Standartsätze.

Plötzlich wankte Walter an mir vorbei, säuselte ein nuscheliges "gute Nacht Helga", und verschwand Richtung Tür. Ich erkannte gerade noch, dass draußen zwischenzeitlich eine Menge Schnee gefallen war, bevor sich die Tür hinter ihm schloss.

Der erste Schnee! Dieses Ereignis wollte ich mir ansehen. Leicht schwankend verließ ich das Lokal. Es schneite wie wild, und ein starker Wind war aufgekommen. Da ich alles doppelt sah, hielt ich mir ein Auge zu und blickte die Straße entlang. Jetzt konnte ich Walter sehen, keinen Augenblick zu spät, denn er machte gerade mit weit ausgestreckten Armen eine Schwalbe in eine Schneewehe, dann war er nicht mehr zu sehen. Ich wartete, aber er blieb verschwunden. Also stapfte ich los und fand ihn friedlich schlafend, grunzend wie ein sattes Baby und lächelnd wie ein Honigkuchenpferd im Schnee liegen. Was blieb mir übrig? Ich brachte
ihn nach Hause, und so endete dieser Abend auch für mich.

 

Himmel aus Seide

Was machen Nachkriegskinder, wenn sie keinen Garten, aber Gelüste auf einen leckeren Apfel haben? Sie gehen in fremde Gärten und klauen sich dort einen.

Ein solches Kind war auch ich.

In den Gärten rund um den Stadtpark kannte ich ganz bestimmte Bäume, die ich immer wieder aufsuchte, um zu räubern. In welchem Garten die besten Birnen oder Pflaumen waren, wusste ich ganz genau. Leider wurde mir diese Unart später zum Verhängnis, doch das ist eine andere Geschichte. Hier möchte ich nur von meiner Liebe zur Natur berichten.

Ich hatte das Glück, in der Nähe des Hamburger Stadtparks mit seinen wilden Ecken und dem großen See zu wohnen. Dort verbrachte ich so manche Stunde auf einer großen Kastanie. Für ein so wildes, mutiges Kind war kein Baum zu hoch, kein Gebüsch zu dicht oder zu kratzig. Erst heute, während ich dieses schreibe, fällt mir auf, wie sehr ich mich in meinem Erwachsenendasein verändert habe. Denn wenn ich Kinder sehe, die auf Bäume klettern, stehen mir die Haare zu Berge. Ich kann es kaum mit ansehen vor lauter Angst, sie könnten herunterfallen. Auch denke ich dabei an die Vögel, die in diesen Bäumen nisten und sicherlich gestört werden und bitte die Kinder darauf zu achten.

Auch gegenüber unserem Wohnhaus konnte ich Natur erleben. Dort befand sich der Bahndamm, überwuchert von Bäumen, Sträuchern und wildem Kraut. Er wurde ab meinem fünften Lebensjahr für mich zur Märcheninsel. Vor dem direkten Bahndamm stand ein Lattenzaun, und dort war mein Spielplatz. Inmitten von hunderten Exemplaren Essigrosen, einem wunderschönen Goldregen, den ich als einen Lieblingsbaum auserkoren hatte, sowie einigen Fliederbüschen, Erlen und Weißdorn.

Die Essigrosen waren im Verhältnis zu meiner Körpergröße riesig, und ich verschwand geradezu zwischen ihnen, wie Gulliver im Land der Riesen. Die Bienen und Hummeln, die sich ständig laut brummend in den weit geöffneten Blüten tummelten, verführten mich dazu, die weit geöffnete Blüte vom Stiel her zart mit der Hand zu umfassen und ganz leicht und vorsichtig zusammenzudrücken. Die darin befindliche Hummel fing daraufhin wütend an zu brummen, und es kitzelte derart stark in meiner Handfläche, dass ich laut lachen und die Hand schnell wegziehen musste. Ich erinnere mich an den Gesang der vielen Vögel, wenn ich im Goldregenbaum saß, ganz still, und nur ihnen lauschte. Sah ich nach oben in den hellblauen Himmel, glaubte ich allen Ernstes, er sei aus reiner Seide.

Hier fand ich mein Paradies.

Die Sommer über hielt ich mich hier auf und sah Vögel, Insekten und Blüten und atmete den Duft der Natur ein. Ich sammelte Marienkäfer, nahm sie mit nach Hause, setzte sie in unsere Zimmerpflanzen und war enttäuscht, dass sie dort nicht bleiben wollten. Ich bestieg einen engen Weißdornbusch, um die jungen Amseln in ihrem Nest zu beobachten, leise, ganz leise, um sie nicht zu stören. Ich zerkratzte mir Arme und Beine an den Rosen und zankte mit den Brennnesseln, weil sie mich schon wieder „gebissen“ hatten.

Doch der schönste aller Bäume, noch viel schöner als der Goldregen, war ein alter Rotdorn, der, für mich unerreichbar, hinter dem grünen Lattenzaun direkt am Bahndamm vor den Schienen wuchs. Im Frühling, wenn er sich mit seinen magentaroten Blütenröschen schmückte, ging ich immer wieder hin, ihn anzuschauen und zu bewundern. Es war mir strenstens verboten, den Lattenzaun auf irgendeine Weise zu überwinden, Der Bahndamm bedeutete Gefahr, weil alle paar Minuten eine Hochbahn aus der einen oder anderen Richtung kam. Doch für die Blüten dieses Baumes überwand ich meine Angst, quetschte mich zwischen zwei lockeren Latten hindurch, brach vom Baum ein Blütenröschen ab und schenkte es Eva, meiner damaligen großen Liebe. Wir waren gerade fünf Jahre alt.

Bis zu meinem achtzehnten Lebensjahr wohnte ich an diesem Bahndamm. Obwohl ich wegzog, blieb die Liebe zu dem Rotdorn, dem Goldregen und überhaupt zur Natur. Noch heute freue ich mich jedes Jahr auf die Zeit, wenn meine beiden Lieblingsbäume endlich wieder blühen.

Als ich nach dreißig Jahren an diesen Ort zurückkehrte, konnte ich es nicht erwarten und ging in die Straße, um mir noch einmal die Pflanzen meiner Kindheit anzusehen.

Mich erwartete eine herbe Enttäuschung. Keine einzige Rose hatte überlebt. Der schmale Streifen vor dem Zaun war sauber aufgeräumt, kein Busch, kein Weißdorn oder Flieder waren zu sehen, nur einige weit auseinanderstehende Bäume standen dort. Auch der Goldregen hatte nicht überlebt, ebenso wenig wie der Rotdorn.

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Eine schneeweiße Schwanenfeder

Das Kanu gleitet ruhig durchs Wasser der Alster. Ich versuche, mit dem Paddel keinen Laut zu machen, tauche es sanft ins Nass und bewege es vorsichtig nach hinten. Himmelblau und Schäfchenwolken reflektieren im Wasser. Bunte Wiesen und blühende Bäume am Ufer. Die Kastanien spiegeln ihre Blüten im Wasser, das unter mir ruhig und träge dahin zieht. Mein Herz ist weit.

Gut aufgelegt scheine ich übers Wasser zu schweben. Kinder spielen auf einer Wiese. und ihr munteres Geplapper begleitet mich noch ein Stück. Würziger, bitterer Duft von Harz liegt in der Luft und aus der Ferne schwebt frischer Geruch von gemähtem Gras heran. Vögel über mir zwitschern aufgedreht. Fidel huscht ein Eichhörnchen über die Äste, wechselt so, trockenen Fußes, das Alsterufer. Ich gleite weiter, und es entschwindet meinen Blicken.

Jetzt wird der Fluss breiter. Am rechten Ufer zeigt sich eine weite Ausbuchtung. Dort nistet ein Schwanenpaar. Sie macht sich am Nest zu schaffen, er flaniert majestätisch in Flussrichtung hin und her. Als er mich sieht, plustert er sein Gefieder auf, legt die Flügel, wie zwei Arme in die Seiten gestemmt, zurecht. Als wolle er sagen: "Heee, dies ist mein Revier, trau Dich nicht näher!!!"

Ich verlangsamere die Fahrt, gleite nun ohne zu paddeln dahin und lasse ihn näher kommen. Sein Kopf ist angriffslustig gereckt. Jetzt ist er schon ganz nah. Wir sehen uns von Angesicht zu Angesicht und ich höre ein noch leises, warnendes Zischen. Sein Gefieder schimmert in der Sonne, der dicke Höcker über dem Schnabel glänzt schwarz.
"Brauchst keine Angst zu haben", flüstere ich ihm zu, "ich fahre nur ein wenig zu meinem Vergnügen hier herum."

Wie immer, wenn ich mit Schwänen rede, beruhigt er sich sofort, dreht aber nicht ab. Das Kanu streicht lautlos weiter, er begleitet mich, ebenso lautlos, noch ein Stück. Als ich sein Revier verlasse, lässt er sich zurückfallen, schaut mir harmlos nach. Nach der nächsten Biegung des Flusses ist er aus meinem Blickfeld verschwunden. Eine Schwanenfeder schwimmt neben mir auf dem Wasser. Mit lang ausgestrecktem Arm fische ich sie heraus. Schneeweiß und leicht liegt sie in meiner Hand.

Eine Erinnerung schleicht sich in meine Gedanken.

Als ganz kleines Mädchen, ich war gerade 3 geworden, wäre ich beinahe ertrunken. Es war Spätwinter und noch kalt. Ich hatte einen dicken Teddymantel, dazu Langschäfter (so hießen früher in Hamburg die Stiefel) an. Mein großer Bruder und dessen Freund Dieter sollten wieder einmal auf mich aufpassen, was ihnen wie immer lästig war. So ersannen sie ein Spiel, um mich los zu werden. Sie gingen mit mir in den Stadtpark. Dort wurde gerade eine große Wiese am Stadtparksee trocken gelegt. Alles war sehr moorig, und ich kannte nicht die Gefahr. Mein Bruder wohl auch nicht, denn er sagte mir, wir würden nun Verstecken spielen. Er und Dieter würden sich verstecken. und ich solle sie suchen. Wenn ich sie gefunden hätte, dürfe ich mich verstecken und sie müssten mich suchen.

Gesagt, getan. Ich suchte sie, rief nach einiger Zeit laut nach ihnen, aber sie waren weit weggelaufen, an einen ganz anderen Platz, um dort in Ruhe zu spielen. Nachdem ich sie hinter jedem Baum und Busch gesucht, mir Gesicht und Hände zerkratzt hatte und sie trotzdem nicht fand, ging ich zur Absperrung des Moores, wollte dort nachschauen.

Wie ich da letztendlich hineingefallen bin, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls saugte sich mein Teddymantel mit Wasser voll und wurde so schwer, dass ich mich nicht mehr selber befreien konnte. Dann muss ich ohnmächtig geworden sein, denn ich sah einen Schwan auf mich zuschwimmen. Seltsamerweise hatte er an den hinteren Federn einen Motor. Knatternd sauste er auf mich zu und ich freute mich, wollte ich doch immer schon einen Schwan streicheln. Ich streckte die Arme nach ihm aus und fühlte, dass ich keine Zeit hatte lange zu zögern. Er mußte mich unbedingt rechtzeitig erreichen bevor.......... Endlich konnte ich ihn packen, hielt mich an seinem Hals fest, dann erwachte ich.

Ohne Schuhe und Mantel lag ich auf dem Weg. Dieter und mein Bruder rannten aufgeregt und ratlos hin und her. Viele Menschen standen um mich herum und glotzten. Ich versuchte einen Stiefel anzuziehen, doch es gelang mir nicht. Die Leute wichen mit angeekeltem Gesichtsausdruck vor mir zurück, als ich sie um Hilfe bat. Das wunderte und verunsicherte mich noch mehr.

Endlich kam ein Polizist, wickelte mich in eine Decke und brachte mich zur Polizeiwache. Dort waren viele nette Polizisten die sehr lieb zu mir waren, mich trösteten, so dass meine Angst verging. Nun wurde ich in eine Zinkwanne mit heißem Wasser gesetzt und von oben bis unten abgeschrubbt. Sogar meine langen Haare wuschen sie sehr vorsichtig. Als meine Mutter kam, um mich zu holen, saß ich eingemummelt in eine Decke am Bollerofen, mein Gesicht glühte vor Aufregung, denn ich unterhielt die Polizisten mit lustigen Geschichten und sie lachten laut über mich. In meinem Innern wusste ich nun, dass Schwäne kleine Kinder beschützen, wenn ihnen etwas zustößt und ich nahm mir vor, einmal einen Schwan zu streicheln.

Einige Jahre später bekam ich dann die Gelegenheit.

Es war am alten Alsterdampferanleger in der Nähe der Fuhlsbüttler Schleuse. In der Umgebung des Kai schwamm ein Schwan. Ich dachte, dass nun endlich die Gelegenheit günstig wäre, ihn zu streicheln. Er schaute mich fast auffordernd an und langsam, ganz vorsichtig, kroch ich gebückt auf ihn zu. Dabei streckte ich meine Hand aus und sprach ganz leise auf ihn ein. Erzählte ihm, ich sei Helga und wolle ihm nichts tun, ihn nur streicheln, weil er doch Kinder rettete. "Bitte, bitte", flüsterte ich, "lass dich doch von mir streicheln", dabei kam ich ihm immer näher.

Er betrachtete mich gleichmütig, fast neugierig und schien kein bisschen aufgeregt, kam jetzt sogar direkt an die Kaimauer. Dort legte er quasi längsseits an und ließ es geschehen, dass ich meine Hand auf sein Rückengefieder legte und ganz vorsichtig streichelte. Sein Kopf war genau auf meiner Höhe, und erst als er ganz leise zischte, bedankte ich mich bei ihm und kroch vorsichtig wieder zurück.

Rotkehlchengesang weckt mich aus meinen Gedanken, bald würde ich mit meinem Kanu den Rondellteich erreichen. Die Schwanenfeder stecke ich mir ins Haar, paddele weiter zum Teich.
Dort werde ich Anker werfen und es mir mit einem Buch und einer Flasche Wasser gemütlich machen.

Doch das ist eine andere Geschichte.

 

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1. Mai

Ein strahlend blauer Tag, ein Tag, wie er im Buche steht. Ich suchte meinen Vater, denn es war Feiertag, und schließlich wollte ich etwas von ihm haben. Meine Mutter hatte mir gesagt, er sei mit seinen Kollegen und Gewerkschaftsfreunden bei einem Marsch im Stadtpark.

Ich dachte mir, dass er zu Marschmusik marschieren würde, aber dort, wo ich ihn endlich fand, in einer großen Menschenmenge, spielte keine Musik. Aber er marschierte trotzdem.

Er nahm mich auf seine Schultern und so zogen wir gemeinsam los. Ich fragte ihn, warum er marschiert, denn ich dachte, nur Soldaten würden marschieren.
„Für meine Rechte als Arbeiter“, war seine Antwort. Er sei eben auch eine Art Soldat, nur für den Frieden und gegen den Barras und alles so was. Aber am meisten würde er gegen die Bosse, die sich immer die Kohle in den Hintern schieben und die kleinen Arbeiter ausbeuteten marschieren.

Kohle in den Hintern schieben... ich musste kichern, als ich mir dies vorstellte, und doch wusste ich genau, was mein Vater meinte. Ich überlegte ganz genau und wusste, warum wir wochentags den Herd in der Küche heizten und nur am Sonntag den schönen, großen Kachelofen in der „guten Stube“. Ich hasste die Bosse dafür.

Hätten wir genügend Kohle, könnten wir jeden Tag den Kachelofen beheizen, so dass es vielleicht auch drinnen warm wäre, dass wir dann jeden Tag den geliebten Bratapfel machen konnten. Denn den konnte Mutti nur in der guten Stube zubereiten, in eben jenem Kachelofen.

Mir zog der Duft jetzt schon in die Nase. Wenn die Äpfel in den Ofen geschoben wurden, dauerte es nicht lange, und der würzige, alles durchdringende Duft des Zimtes machte sich im Zimmer breit. Er umkräuselte meine Nase und ließ mir das Wasser im Munde vor Vorfreude auf noch Kommendes zusammenlaufen. Nach einigen Minuten genüsslichen Dahinschnupperns begannen dann die Äpfel, zusammen mit den Rosinen, ihre einschmeichelnde Duftmelodie. Dann war es fast vorbei mit meiner Beherrschung. Ich wurde zappelig und fragte alle paar Augenblicke nach, ob denn die Äpfel endlich gar seien.

Endlich hatte Mutti ein Einsehen mit mir, verschwand in der Küche und kam mit der köstlichsten Vanillesoße zurück. Dann wurde die Klappe zum oberen Ofenteil geöffnet, und endlich durften auch meine Geschmacksnerven befriedigt werden.

Dafür, dass ich diese Geschmackssymphonie nicht jeden Tag, oder zumindest jeden zweiten Tag erleben durfte, hasste ich die Bosse noch mehr.

Noch in meine Träumerei über Kohlen, Äpfel und Bosse vertieft, schlich sich mir ein anderer, tatsächlicher Duft in die immer bereite Nase. Wir waren nämlich endlich auf der Festwiese, auf der sich tausende von Menschen zusammengetan hatten, angelangt. Dort waren Würstchenbuden und Trinkstände errichtet, an denen sich die Männer mit nen „Lütt un Lütt“ in der Hand dicht drängten.

Das war für mich relativ uninteressant. Mich interessierten die Wurstbuden.

Würstchen... jeden Tag könnte ich sie essen, aber leider, da kämen wir wieder auf die Bosse und die waren jetzt auch uninteressant, es gab nur noch Würstchen in meinem Kopf.

Tatsächlich fand sich ein Kollege von Papa, der mir ein riesiges Würstchen spendierte, und dazu gab’s noch Senf und zur Krönung eine Cola. Die war das Zweitschönste, denn die durfte ich normalerweise eigentlich nicht trinken. Weil sie dumm macht, wäre sie deshalb nichts für Kinder, genau wie Senf. Aber an diesem Tag durfte ich Cola trinken und Senf essen, und es war mir und Papa piepegal, ob ich nun dumm würde oder nicht. Lieber dumm, als keine Cola und keinen Senf zum Würstchen. Heute war wirklich ein Feiertag. Mit Hochgenuss verschlang ich alles, einschließlich der trockenen Scheibe Weißbrot.

Mein Vater war mir inzwischen an einen der Bierstände entwischt. Das machte mir nichts aus, denn ich hatte sowieso vor, noch ein wenig auf eigene Faust herumzustrolchen. Ich wollte sehen, was sich vorne auf der Bühne tat.

So klein wie ich war, fiel es mir nicht schwer, mich durch die Beine der Erwachsenen durchzuschlängeln und erreichte mein Ziel nach einigen Orientierungsschwierigkeiten auch endlich und sicher. Auf der Bühne stand ein Mann hinter einem Rednerpult. Er redete sehr laut über ein Mikrofon auf die Menge ein.

Dass es Willi Brandt war, hatte ich vorher schon aus den Gesprächen der Kollegen herausgehört. Aus der „Fox tönenden Wochenschau“ wusste ich natürlich, wer dieser Willi Brandt war. Damals dachte ich noch, er wäre der, der den Brandtzwieback erfunden hatte. Doch er war der wichtige Bürgermeister unserer ganz wichtigen früheren Hauptstadt Berlin.

Eine Hauptstadt war so etwas wie unsere Stadt Hamburg, nur noch viel wichtiger. Dabei gab es dort nicht einmal einen richtigen Hafen, und die Bewohner durften noch nicht mal in jede Straße gehen, in die sie wollten. Einige Straßen waren geheim, und kein Mensch durfte sie betreten. Ich hätte schon mal Lust, dorthin zu gehen, ganz sicher würde ich es schaffen, in diese verbotenen Straßen zu schleichen. Ich sollte tatsächlich eines Tages als Erwachsene nach Berlin gehen, doch davon ahnte ich jetzt noch nichts.

Mir wurde es langweilig mit diesem Willi Brandt. Ich wusste noch andere Vergnügungen.

Aber das ist auch wieder eine andere Geschichte.

 


 

 

 

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